Mit dem Sieg bei der Expotrade FIM Damen-Enduro-Weltmeisterschaft beim GP von Portugal II in Fafe krönte sich Rachel Gutish vom RIEJU Factory Team zur ersten Weltmeisterin der Paulo Duarte FIM EnduroGP-Weltmeisterschaft 2026.
Da sie die Saison bereits als amtierende Expotrade FIM Damen-Enduro-Weltmeisterin begann, erwarteten viele, dass Rachel Gutish vom RIEJU Factory Team ihren Titel erfolgreich verteidigen würde. Ihr bewiesenes Tempo, ihre Konstanz, die Unterstützung durch RIEJU und ihr purer Siegeswille machten sie – zumindest auf dem Papier – zur Fahrerin, die es zu schlagen galt.
Doch als sie diese Erwartungen beim GP von Portugal II, dem vorletzten Lauf der Expotrade Damen-Enduro-Kategorie, erfüllte, schien das irgendwie für Überraschung zu sorgen – selbst bei Rachel selbst.
Nach den Podiumsplatzierungen am Sonntagabend in Fafe haben wir uns mit Rachel im Schatten der portugiesischen Sonne ins Gras gesetzt, um sie zu fragen, ob sie schon realisiert hat, dass sie nun zweifache Weltmeisterin ist…
Herzlichen Glückwunsch, Rachel, du hast es wieder geschafft! Fühlst du dich schon wie eine zweifache Weltmeisterin?
Rachel Gutish: „Es fühlt sich ein bisschen komisch aus, den Titel schon Mitte Juni unter Dach und Fach zu bringen, was dieses Interview gar nicht so einfach macht. Ich weiß nicht genau, wie ich mich fühle, also sagen wir einfach: glücklich! Ehrlich gesagt haben wir einfach nicht damit gerechnet, dass es so schnell geht. Wir waren nicht darauf vorbereitet und wurden kalt erwischt. Sicherlich habe ich das Gefühl, ich sollte mich noch mehr freuen, und ich weiß, dass das noch kommt. Im Moment bin ich einfach froh, hier im Gras zu sitzen und zu lächeln, weil ich nach diesem Rennen echt müde bist!“
Wie war es heute Morgen mit der Nervosität, da du wusstest, dass der Titel in Reichweite ist? Und wie war das im Vergleich zu dem Morgen, an dem du deinen ersten WM-Titel geholt hast?
„Ich war heute weniger nervös als beim Saisonfinale letztes Jahr in Deutschland, weil ich wusste, dass ich selbst dann noch Zeit gehabt hätte, wenn es heute nicht geklappt hätte. Ich hatte das Gefühl, dass ich heute eine absolute Katastrophe hätte erleben können und trotzdem noch in der Lage gewesen wäre, die Meisterschaft in Wales zu holen. Allerdings hatte ich heute Morgen, genau wie in Deutschland, einen doppelten Espresso trinken müssen, und stand beim ersten Special Test ziemlich zittrig am Start – also kein Kaffee mehr für mich, das tut mir nicht gut!“
Hat dir die Rolle der Weltmeisterin zu Beginn der Saison 2026 eine Zielscheibe auf den Rücken gemalt?
„Ich habe in dieser Saison weniger Druck verspürt. Ich werde nie wieder die erste Amerikanerin sein, der das gelingt, und genau darum ging es mir letztes Jahr. Vor mir hatte noch niemand aus meinem Land gewonnen. Nachdem das also erledigt war, ging es in diesem Jahr darum, es noch einmal zu versuchen und Spaß dabei zu haben. Ich liebe es einfach, mein Motorrad zu fahren, und schätze mich glücklich, dass ich das als meinen Beruf ausüben darf.“
Wenn wir auf den ersten Lauf in Sizilien und den zweiten in Spanien zurückblicken, gab es da einige Höhen und Tiefen sowie ein paar unbedrängte Fehler. Wie bist du damit umgegangen und hast weiter Gas gegeben?
„Mein Vater sagt immer, mein größter Feind sei ich selbst. Ich habe mich selbst schon öfter geschlagen, als andere mich geschlagen haben. Am ersten Tag in Sizilien weiß ich gar nicht, wie das passieren konnte – eine Minute zu früh einzuchecken. Ich habe schon an 10 ‚6DAYS‘ teilgenommen, also habe ich mich über diesen Fehler wahnsinnig über mich selbst geärgert.
Das Durchfallen bei der Lärmmessung war frustrierend, weil es etwas war, das wir zu dem Zeitpunkt aufgrund des neuen Motorrads und des neuen Mapping-Systems nicht sofort lösen konnten. Aber nachdem das passiert war, bin ich nach Hause gefahren, habe mir Equipment für Lärmtests besorgt und daran gearbeitet. Zusammen mit dem Team haben wir verschiedene Auspuffstopfungen und Mappings ausprobiert, und jetzt liegen wir innerhalb der sicheren Dezibelgrenze. Leider war ich am zweiten Tag in Spanien krank. Ich fühlte mich schrecklich, aber ich wusste, dass ich mich da durchbeißen musste. Ich glaube nicht, dass in unserer Klasse irgendjemand so schnell aufgibt. Wenn wir dazu neigen würden, das Handtuch zu werfen, hätten wir diesen Sport schon vor langer Zeit verlassen!“
Man sieht, wie stark RIEJU das Damen-Enduro unterstützt, indem sie sowohl dich als auch Rosie Rowett an den Start bringen. Du hast es ihnen mit zwei WM-Titeln gedankt, und davor hat Mireia Badia 2024 gewonnen. Was bedeutet es für dich, diese Marke zu repräsentieren?
„Wir bekommen im Damen-Enduro nicht viel Unterstützung, wir arbeiten Vollzeit. Die meisten von uns gehen zwischen den Rennen ganz normal wieder arbeiten. Und das sind Opfer, die man vom Podium aus nicht sieht. Wir können nicht in dem Maße Vollzeit trainieren wie andere. Vom ersten bis zum zwölften Platz gibt es hier also keine Drückeberger.
Anfang 2025 ging Sherco USA pleite und ich verlor meinen Platz. Ich dachte, das war’s mit dem Rennsport, weil ich im März ohne Unterstützung dastand. Als Mireia Badia bei RIEJU aufhörte, riefen sie mich an und ich habe sofort unterschrieben. Sie haben mir eine zweite Chance im Leben gegeben. Tatsächlich ist Mireia jetzt die neue Teammanagerin, sie haben also auch eine Frau an der Spitze des Teams. Das ist ein weiterer Grund, warum ich für sie fahren möchte. Ich habe das Gefühl, sie sind das fortschrittlichste Team im Fahrerlager.“
Glaubst du, dass es als zweifache Weltmeisterin an der Zeit ist, dass andere nachziehen, um die Meisterschaft weiter voranzubringen?
„Es wird unter den Teams immer eine gewisse Zurückhaltung geben, Geld auszugeben, wenn sie es nicht unbedingt müssen. In den USA haben wir mittlerweile drei oder vier Vollzeit-Werksfahrerinnen, die ein Gehalt beziehen und ihren Lebensunterhalt mit Rennen verdienen. Ein Grund dafür ist, dass der Manager des KTM-Offroad-Teams stark in das US-amerikanische 6DAYS-Team involviert ist. Er hat erkannt, dass er, wenn er ein konkurrenzfähiges Frauenteam haben will (so wie bei den World- und Junior-Teams), Frauen braucht, die Vollzeit Rennen fahren, trainieren und auf dem Motorrad sitzen. Also hat er sie über KTM, GASGAS und Husqvarna unterstützt. Das führte dazu, dass andere Teams seinem Beispiel folgten. Yamaha und Kawasaki haben jetzt ebenfalls eine Fahrerin. Wenn der Stein erst einmal ins Rollen kommt, nimmt die Sache an Fahrt auf. In der EnduroGP haben wir aktuell noch keinen zwingenden Grund, die Frauen zu unterstützen.
Ich hätte da zwei Ideen. Ähnlich wie bei der FIM E-Xplorer-Serie könnten wir eine Duo-Meisterschaft einführen, bei der jedes Team die besten männlichen und weiblichen Fahrer für einen eigenständigen EnduroGP-Titel kombiniert. Das wäre ein langsamer Einstieg, der sich aber ausbauen ließe. Es muss ein Mehrwert geschaffen werden, anstatt Dinge per Reglement zu erzwingen.
Zweitens brauchen wir strukturelle Änderungen bei der Wertung der Markenweltmeisterschaft. Im Moment zählen die Klassen Enduro1, Enduro2 und Enduro3. Besser wäre es, wenn Fahrer aller Geschlechter und Kategorien in die Wertung einfließen würden. Man wertet den besten EnduroGP-Fahrer, die beste Enduro-Fahrerin und den besten Open-Enduro-Fahrer – wenn wir beweisen wollen, welches Motorrad am besten funktioniert, ist das der bessere Weg, um es zu zeigen. Das würde den Herstellern einen Anreiz bieten, das Ganze unterstützen zu wollen. Das sind Änderungen, die funktionieren würden und leicht umzusetzen wären.“
Reicht eine Meisterschaft mit fünf Läufen aus oder würdest du lieber eine volle Saison mit sieben Läufen fahren?
„Im Moment macht eine geringere Anzahl von Läufen den Rennsport in der EnduroGP für Fahrerinnen überhaupt erst zugänglich. Ich habe Angst, dass, wenn wir zu schnell zu viel herausholen wollen, ohne dass die Teams mitziehen, die Meisterschaft am Ende nur noch aus mir und Rosie Rowett auf RIEJU und vielleicht Francesca Nocera auf Honda bestehen wird, weil sich niemand sonst das Ganze leisten könnte.“
Der Finallauf der Expotrade Damen-Enduro wird der Forsiteservices GP von Wales sein. Mit welcher Einstellung reist du als frischgekrönte Weltmeisterin dorthin?
„Ich freue mich darauf. Die letzten zwei Jahre war es dort trocken, mir wurde also gesagt, dass ich erst noch ein echtes, schlammiges walisiches Enduro erleben muss. Aber generell habe ich das Gefühl, hier in der EnduroGP ein Zuhause gefunden zu haben. Ich bin gerne hier und habe das Gefühl, hierher zu gehören – mehr als in den Staaten. Ich hätte nicht gedacht, dass das passiert, wenn man 3000 Meilen von zu Hause entfernt Rennen fährt, aber so ist es. Das ist der Ort, an dem ich sein soll, und das, was ich tun soll. Und ich möchte das noch lange weitermachen!“
Herzlichen Glückwunsch zum Weltmeistertitel, Rachel, im Namen aller Beteiligten der Paulo Duarte FIM EnduroGP-Weltmeisterschaft!
Text/Bild: Enduro GP