Während das gerade erst offiziell vorgestellte Modelljahr 2027 in den Startlöchern steht und demnächst bei den Händlern eintrifft, richtet sich der Blick der MX-Szene bereits auf das, was übernächstes Jahr folgen könnte. Auf den Motocross-Strecken sieht man immer häufiger verdächtige Vorserien-Bikes. Da diese oft unauffällig im gewohnten Team-Dekor des jeweiligen Test- oder Werksfahrers rollen, muss man schon genauer hinsehen, um die Abweichungen zu erkennen.

Den Kern der Spekulationen bildet eine mutmaßlich komplett überarbeitete Rahmenphilosophie. Dem Vernehmen nach könnte der hydrogeformte Chrom-Molybdän-Stahlrahmen so modifiziert worden sein, dass er mehr Flexibilität in Kurven bietet, ohne an Stabilität bei Highspeed-Passagen einzubüßen. Auch beim Fahrwerk wird gerätselt: Die Erlkönige zeigen optische Veränderungen am WP XACT-Fahrwerk, was in der Gerüchteküche als Hinweis auf eine neue Ventiltechnik an der Front und eine veränderte Umlenkung am Heck gedeutet wird. Ein absoluter Hingucker an den Testbikes ist zudem die völlig neu gestaltete Tank-Sitzbank-Kombination. Diese geht extrem fließend ineinander über und besticht durch sehr auffällige, aggressive Kiemen direkt im Bodywork. Diese Kiemen dienen als hocheffiziente Lufteinlässe, um die Airbox noch direkter und ungehindert mit Frischluft zu versorgen.

Im Bereich der 4-Takt-Modelle (SX-F), von der 250er bis zur 450er, wird erwartet, dass KTM vor allem auf die immer strengeren FIM-Lärmvorschriften reagiert. Das größte Gesprächsthema ist hier die gesichtete Abgasanlage der Prototypen: Es wird gemunkelt, dass die neuen Viertakter ab Werk einen Serien-Auspuff erhalten könnten, der sich in seiner komplexen Krümmerführung und dem Resonanzkörper stark an High-End-Anlagen wie dem Akrapovič Evo 3 orientiert, um Spitzenleistung bei reduzierter Lautstärke zu garantieren. Unwahrscheinlich ist das nicht, denn KTM-Testfahrer Marcel Stauffer war bereits bei den ADAC MX Masters in Grevenbroich mit genau so einem B-Muster im harten Renneinsatz unterwegs, was den Verdacht auf eine neue Werks-Philosophie erhärtet.

Noch spektakulärer sind die Beobachtungen bei den 2-Takt-Modellen (SX), wo KTM offenbar die gesamte Bandbreite testet. Neben den klassischen Hubräumen hält sich in der Szene hartnäckig das Gerücht über eine völlig neue 360-ccm-Zweitakt-Variante. Nahrung erhält diese Spekulation durch die Tatsache, dass ein entsprechendes Aggregat bereits in der Saison 2025 durch Testfahrer Václav Kovár bei den Masters im Renntrimm eingesetzt wurde.


Dieses Triebwerk könnte dazu gedacht sein, die Lücke zu den 450er-Viertaktern mit enormem Drehmoment zu schließen. Wie intensiv probiert wird, zeigte sich erst am vergangenen Wochenende beim Masters-Lauf in Tensfeld: Dort pilotierte Kovár ein vermutetes 2028er-Modell, das auffälligerweise mit einem Enduro-Tank bestückt war. Das lässt im Fahrerlager Raum für Spekulationen – etwa, ob KTM das neue Chassis hier bereits für zukünftige Cross-Country- und Enduro-Modelle testet oder im tiefen Sand schlicht den Kraftstoffvorrat absichern wollte.


Dass die Entwicklung aber auch vor den kleinen Klassen nicht haltmacht, bewies eine weitere Entdeckung im tiefen Sand von Dreetz: Dort wurde im Junior Cup bereits eine 125-ccm-Maschine gesichtet, die optisch unverkennbar auf der neuen 2028er-Plattform basierte. Kombiniert mit einer mutmaßlich weiter verfeinerten elektronischen Kraftstoffeinspritzung (TBI) wird gerätselt, ob KTM ein noch lineareres Ansprechverhalten anstrebt, um die Kraft der Zweitakter über alle Hubräume hinweg optimal kontrollierbar zu machen.

Da vonseiten des Herstellers bislang keinerlei bestätigte Informationen vorliegen, bleibt der exakte technische Aufbau der 2028er-Modelle vorerst ein gut gehütetes Geheimnis. Doch die gesichteten Prototypen im gewohnten Renngewand der Testfahrer und Junioren zeigen deutlich, dass im Hintergrund bereits unter härtesten Wettbewerbsbedingungen an der Zukunft des Offroad-Sports geschraubt wird.